Warum Hunde markieren – Kommunikation statt Ungehorsam
- Martina Thielking-Rumpeltin
- 29. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Wer mit seinem Hund spazieren geht, kennt die Situation: Der Hund bleibt stehen, schnüffelt lange, markiert, läuft ein paar Schritte weiter – und wiederholt das Ganze. Für viele Hundehalter wirkt dieses Verhalten störend oder sogar problematisch. Doch aus Sicht des Hundes passiert hier etwas völlig anderes. Markieren ist kein Ungehorsam. Es ist Kommunikation.
Der Geruchssinn des Hundes: Eine andere Wahrnehmung der Welt
Hunde nehmen ihre Umwelt primär über den Geruchssinn wahr. Während der Mensch visuell orientiert ist, erschließen sich Hunde Informationen vor allem über Gerüche. Der Spaziergang ist für den Hund keine bloße Bewegung, sondern eine Reise durch ein komplexes Geruchsarchiv.
Studien zeigen, dass Hunde über Duftstoffe Informationen zu Artgenossen aufnehmen können: Geschlecht, individueller Geruch, Fortpflanzungsstatus und sogar emotionale Zustände lassen sich über Gerüche erkennen (u. a. Feddersen-Petersen; Horowitz).

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Duftmarken als Sprache
Wenn Hunde markieren, hinterlassen sie Duftstoffe aus Urin, Kot oder Drüsensekreten. Diese Duftmarken sind nicht zufällig verteilt. Sie werden gezielt an gut erreichbaren, häufig frequentierten Stellen platziert. Für andere Hunde fungieren sie wie Nachrichten, die auch Stunden oder Tage später noch gelesen werden können.
Verhaltensbiologische Untersuchungen an Wölfen zeigen, dass Markierungen bevorzugt an Wegkreuzungen und Grenzbereichen gesetzt werden. Auch Haushunde folgen diesem Muster (Mech & Peters).
Warum Hunde markieren – und warum das nichts mit Dominanz zu tun hat
Ein weitverbreiteter Irrtum ist die Annahme, nur dominante Hunde würden markieren. Tatsächlich markieren Hunde aller sozialen Ränge. Unsichere oder sozial niedrigere Tiere markieren teilweise sogar häufiger. Markieren dient nicht der Machtdemonstration, sondern der Selbstverortung im sozialen Raum.
Auch Hündinnen markieren. Besonders in hormonell aktiven Phasen oder in sozial relevanten Situationen ist Markierverhalten bei weiblichen Hunden gut beobachtbar.
Diese Erkenntnisse werden durch vergleichende Studien zum Markierverhalten bei Haushunden gestützt (Lisberg & Snowdon).
Schnüffeln ist Informationsaufnahme
Viele Hundehalter versuchen, das intensive Schnüffeln ihres Hundes zu unterbinden. Dabei ist genau dieses Verhalten essenziell für die Informationsverarbeitung. Schnüffeln ermöglicht es dem Hund, soziale und räumliche Zusammenhänge einzuordnen.
Ein Hund, der schnüffelt, ist nicht abgelenkt. Er arbeitet. Verhaltensforscher sprechen hier von kognitiver Aktivität, die zur emotionalen Stabilisierung beitragen kann (Miklósi).
Markieren im Alltag richtig einordnen
Markierverhalten ist tief im evolutionären Erbe des Hundes verankert. Probleme entstehen meist erst dann, wenn dieses Verhalten in Umgebungen auftritt, die dafür nicht geeignet sind – etwa in Wohnungen oder stark reglementierten Bereichen.
Anstatt Markieren pauschal zu unterbinden, ist es sinnvoller, dem Hund ausreichend Möglichkeiten zu geben, dieses Verhalten draußen auszuleben. Längere Spaziergänge, abwechslungsreiche Routen und schnüffelintensive Phasen unterstützen ein ausgeglichenes Verhalten.
Warum Hunde markieren - Kommunikation statt Ungehorsam
Wer das Markierverhalten seines Hundes versteht, verändert automatisch den Blick auf den Alltag. Viele Konflikte entstehen nicht durch den Hund, sondern durch Missverständnisse zwischen menschlicher Erwartung und hundlicher Kommunikation.
Genau hier setzt das Buch „Mit der Nase online“ an. Es beleuchtet die olfaktorische Kommunikation von Hunden verständlich, wissenschaftlich fundiert und praxisnah.
Quellen (Auswahl)
Feddersen-Petersen, D.: Hundepsychologie – Sozialverhalten und Wesen. Kosmos Verlag.
Horowitz, A.: Die Welt aus der Nase des Hundes.
Miklósi, Á.: Dog Behaviour, Evolution, and Cognition.
Lisberg, A. E., & Snowdon, C. T.: Animal Behaviour, 2011.
Mech, L. D., & Peters, R. P.: American Zoologist, 1975.
Stand der Fachlage: 2010–2024


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